#Aufschrei vs. #shoutingback – von digitalen Säuen und Selbstwert

- - metamaedchen

Das Schreien der Lämmer – ich finde, besser hätte Meike Lobo den Titel ihres Blogartikels zur öffentlichen Sexismus-Debatte, vor allem zu den Tweets unter dem Hashtag #Aufschrei nicht wählen können. Der Hashtag – und hier beginnt bereits die Problematik – ist meiner Ansicht nach falsch gewählt. Das englische Vorbild #shoutingback drückt etwas sehr Aktives aus, nämlich das „Zurückschreien“, das sich Wehren – das kann auf den Tabubruch in der Öffentlichkeit wie auch auf die konkrete Situation an sich übertragen werden. Das alles leistet der deutsche Hashtag #Aufschrei in keinster Weise. Eher im Gegenteil. Ein Aufschrei geschieht meist aus Schmerz, aus Entsetzen und zwar dann, wenn einem Menschen ein Unglück, Ungerechtigkeit oder Gewalt widerfährt, eben dann, wenn ein Mensch zum Opfer wird. Schon das Wort an sich lässt jegliches aktives Moment vermissen. Selbstverständlich gibt es auch den gesellschaftlichen Aufschrei, der die Empörung der Massen ausdrückt. Aber auch sie beinhaltet im ersten Moment weder eine aktive Auseinandersetzung, noch ein Gegenangehen. Mancher mag das für Wortglauberei halten, ich finde, dass hier schon der Kern oder vielleicht einer der Kerne der ganzen Sexismus-Problematik offenbar wird.

Meike Lobos Blogartikel findet vor allem in den Absätzen 1, 2 und 5 meine uneingeschränkte Zustimmung. In den Absätzen 3 und 4 („Die Weigerung vieler Frauen, Verantwortung zu übernehmen.“ und „Die Opferhaltung vieler Frauen, die sich zur Debatte äußern.“) setzt auch sie sich mit der Problematik, die ich schon an der Wahl des Hashtags #Aufschrei skizziert habe, auseinander. Sie tut das auf eine sehr rigorose Art und Weise, die ihrem persönlichen Unverständnis nachdrücklich Ausdruck verleiht. „Der einzige Lösungsansatz, den ich in dieser ganzen Debatte wahrnehme, ist die Anklage und die Forderung an Männer, es anders zu machen, sich zu ändern.“ „Wenn Frauen nun also zu Recht von Männern verlangen, dass sie ihre völlig veralteten Frauenbilder und Verhaltensmuster überdenken, müssen sie dann nicht auch ihr eigenes Verhalten überdenken? Weniger hinnehmen, klarer sprechen, für sich selber einstehen, statt auf Rettung zu warten, nicht immer still sein, “damit die liebe Seele ihre Ruhe hat”?“ „So funktioniert doch soziale Reifung: Männer lernen von Frauen, Frauen lernen von Männern, man spricht gemeinsam darüber, wie man mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen kann, Menschen [sic!] wachsen aneinander.“ „Also alle Frauen sind Opfer, zur Wehrlosigkeit verdammt. Und selbst die, die sich nicht als Opfer und fortwährend durch Männer bedroht fühlen, sind trotzdem Opfer, weil sie durch Jahrhunderte der Sozialisierung quasi gebrainwasht und daher unmündig und ohne eigenen Willen und eigene Entscheidung in solchen Fragen sind. […] Ich möchte hierzu festhalten: ich bin kein Opfer und ich will von niemandem dazu gemacht werden.“ Das alles sind Überlegungen, die ich selbst angestellt habe. Sie sind der Grund dafür, dass ich mich bisher auf keinem der digitalen Kanäle zur Debatte geäußert habe.

Auch wenn ich persönlich ihr in nahezu allen Punkten zustimme, kann ich verstehen, dass viele Frauen sich mit dieser Meinung kaum anfreunden können. So entflammt in den Kommentaren dann auch eine Diskussion über anerzogene oder durch sexuelle Gewalt entstandene Verhaltensmuster. Nicht jede Frau erkennt, dass es sich dabei um Verhaltensmuster handelt, die man durchbrechen kann und durchbrechen sollte. Und auch nicht jede Frau, die das erkannt hat, ist in der Lage, sich selbst (ob mit oder ohne therapeutische Hilfe) daraus zu befreien. Und genau an dieser Stelle sollte meiner Meinung nach angesetzt werden. Denn für mich ist in dieser ganzen Sexismus-Diskussion eines sehr essentiell, was in der öffentliche Debatte jedoch komplett ausgeklammert wird: das weibliche Selbstwertgefühl. Das Selbstwertgefühl bestimmt, was wir als Sexismus oder sexuellen Übergriff (übrigens zwei gänzlich unterschiedliche Dinge, die im öffentlichen Diskurs gerne miteinander vermischt werden) empfinden. Und das Selbstwertgefühl bestimmt auch, ob wir in der Lage dazu sind, uns zu wehren, wenn wir es als angemessen empfinden. Oder ob wir uns in unsere Opferrolle ergeben. Und ich glaube, dass ein gutes Selbstwertgefühl sogar dazu in der Lage ist, uns vor dem einen oder anderen Übergriff zu schützen. Denn eine Frau, die weiß, was sie wert ist, strahlt das auch aus.

Die Arbeit am eigenen Selbstwert ist harte Arbeit. Und dazu müssen viele erst einmal lernen, dass ein selbst antrainiertes und zur Schau getragenes Selbstbewusstsein so wenig mit einem echten Selbstwertgefühl zu tun hat wie Surimi mit echten Krebsen. Aber es lohnt sich und vor allem sind wir es uns selbst schuldig. Nur wenn wir den eigenen Wert kennen, sind wir in der Lage, ihn zu verteidigen. Jungen Mädchen und Frauen ihren Wert zu vermitteln sollte eigentlich Aufgabe von Eltern, Erziehern und Lehrern sein. Sollte. Die Realität sieht oft anders aus. Also müssen wir uns mit uns selbst und der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Und wir müssen aufpassen – auf uns selbst und auf andere.

Ich denke, dass die Debatte – so wie sie zurzeit geführt wird – auf männlicher Seite nur diejenigen erreicht, die ohnehin wissen, wie sie sich einer Frau gegenüber zu verhalten haben. Was sie aber erreichen kann, ist, uns weiter zu sensibilisieren. Wichtig ist, dass wir eingreifen, wenn wir Zeuge ähnlicher Situationen werden. Wichtig ist auch, dass derjenige, der die Grenze überschreitet, zur Rede gestellt wird – in einer einigermaßen sachlichen Art und Weise. Noch viel wichtiger finde ich aber, dass wir der Betroffenen zur Seite stehen, ihr den Rücken stärken. Ihr sagen, dass sie nicht selbst die Schuld trägt. Sie dazu ermutigen, dem Gegenüber beim nächsten Mal deutlich die Grenze aufzuzeigen – möglichst bevor er sie überschritten an. Denn nur so kann letzten Endes ein Lernprozess stattfinden. Auf beiden Seiten.

Bleibt zu hoffen, dass es sich bei der aktuellen Diskussion nicht um die nächste Sau handelt, die zwei Wochen lang durchs digitale Dorf getrieben wird und dann wieder in der Versenkung verschwindet. Dazu ist das Thema zu wichtig. Aber so erscheint dieser #Aufschrei für mich in vielerlei Hinsicht. Also lasst uns die Sau hegen und pflegen – damit sie auch dann noch fröhlich grunzt, wenn die aktuelle Hysterie längst verschwunden ist. Denn erst dann zeigt sich, ob sich in den Köpfen – von Frauen und Männern – verankert hat, dass sich etwas ändern muss. Und nur, wenn das der Fall ist, wird sich auch etwas ändern.

Elfenkind

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>